Consulting 4.0 – Die Digitalisierung der Beratung

Inzwischen redet jeder Managementberater von Industrie 4.0, Digitaler Transformation und Big Data. Die Digitalisierung hat die Consulting-Branche erfasst. Welche Folgen hat die Digitalisierung aber konkret für Berater? Die Digitale Revolution wird die Beratungsindustrie dramatisch verändern. Laut einer aktuellen Studie der Personalberater von LAB Consulting erwarten 78 Prozent der befragten Consultants, dass die Digitalisierung Beratungsportfolio, Geschäftsmodelle und Prozesse in den kommenden 5 Jahren stark oder sehr stark verändern wird.[1]

Die Folgen der Digitalisierung im Consulting

Die Berater erwarten laut einer Studie von LAB Consulting starke Veränderungen durch die Digitalisierung

Marcel Ramin Derakhchan, Geschäftsführender Gesellschafter LAB & Company: „Damit bestätigen sich frühere Ergebnisse unserer Umfragen: Kein Unternehmen kann sich der Digitalisierung entziehen.“

Seit Arthur D. Little 1886 die erste Unternehmensberatung gegründet hatte, haben neue Technologien zwar stets das Beraterleben bereichert – hier sind vor allem Mobiltelefone, Notebooks und Präsentationssoftware zu nennen -, aber die eigentlichen Prozesse der Beratung und der Beratungsunternehmen haben sich nur graduell verändert. Dieses Mal ist es anders. Ähnlich wie sich die produzierende Industrie digitalisiert, wird sich auch die Unternehmensberatung digitalisieren. Analog zu Industrie 4.0 spreche ich daher von Consulting 4.0. Consulting 4.0 hat in vier Dimensionen Auswirkungen auf das Beratungsgeschäft:

1. Digitalisierung der Beratungsthemen

Nachdem die meisten der Absatz- und Beschaffungsmärkte weltweit erschlossen wurden, sind Wachstum und Effizienzsteigerungen in Unternehmen heute vor allem durch neue Technologien machbar. eBusiness, Web 2.0, Industrie 4.0, Big Data und Augmented Reality gilt es für die Klienten nutzbar zu machen und in neue Geschäftsstrategien und –prozesse einzubeziehen. Für die Consultants bedeutet die Digitale Revolution, Innovationen nicht nur den Innovationsberatern zu überlassen, sondern diese technologischen Neuerungen in Strategie-, Organisations- Prozess-, und IT-Beratung über alle funktionalen Bereiche vom Einkauf, Produktion bis Marketing & Vertrieb für den Kunden nutzbar zu machen. Nicht umsonst wünschen sich viele Unternehmen mehr Vordenkertum & Innovation von den Beratern.[2] Wenn sich klassische Strategie- und Prozessberater nicht darauf einstellen, werden IT Berater und spezialisierte Beratungen diese innovativen und damit sehr lukrativen Themen besetzen. Die Experten von Sourceforconsulting beobachten schon heute, dass renommierte IT-Berater zunehmend zur Konkurrenz für Strategieberater werden, wenn es um die Entwicklung digitaler Strategien geht. Einige Strategieberatungen haben inzwischen mit der Gründung von digitalen Geschäftsbereichen und Joint Ventures reagiert, um ihre digitale Kompetenz auszubauen.

2. Digitalisierung der Beratungsprozesse

Der Schuster trägt die schlechtesten Schuhe, heißt es. Ein Berater für digitale Transformation und Industrie 4.0 ohne eigene praktische Kenntnisse moderner digitaler Technologien wird es allerdings schwer haben. Consultants sind daher gut beraten, auch im eigenen Unternehmen für eine durchgängige Unterstützung der Geschäftsprozesse und für den Einsatz moderner IT Instrumente zu sorgen. In Effizienzsteigerung und Verbesserung der Kommunikation mit ihren Klienten sehen Berater laut LAB das größte Optimierungspotential durch die Digitalisierung.

In vielen Beratungsunternehmen ist noch ein hoher manueller Aufwand entlang der gesamten Wertschöpfungsprozesse nötig: Oft existiert kein zeitgemäßes CRM System zur effizienten Ansprache der Klienten, ein effektives Corporate Facebook zum Austausch von Informationen ist nicht vorhanden oder wird nicht verlässlich genutzt. Last but not least erfolgt keine einfache Zeiterfassung auf dem iPhone mit automatisierter Schnittstelle zum Rechnungsstellungsworkflow und einer Anbindung der Reisebuchung zwecks Übernahme der Reisekosten. Viele Prozesse im Consulting könnten heute mit Hilfe von Apps und einer integrierten Cloudlösung schon deutlich effizienter und eleganter ablaufen, um wertvolle Beraterzeit einzusparen.

Die Consulting Value Chain digitalisiert sich

Die Digitalisierung der Consulting Value Chain hat unterschiedliche Auswirkungen auf die Geschäftsprozesse einer Beratung

Beispielsweise ist es heute möglich, passende Beraterprofile einfach anhand relevanter Skills und Branchenkompetenzen über eine App direkt auf dem Smartphone zu selektieren. In der Beratungswirklichkeit erfolgt dieser Prozess auch schon einmal mit internen Rundmails an den Unternehmensverteiler.

3. Digitalisierung des Beraterwissens:

Wissen – die Hauptressource von Beratern – wird zunehmend verfügbar und über Smartphones und Tablets von jedem jederzeit nutzbar. Wissen wird immer mehr zu Commodity. Anbieter wie Amazon, Apple, Facebook, SAP und insbesondere Google verfügen über exzellente Daten, die früher nur durch aufwändige Research-Arbeit gesammelt werden konnten. Durch die Zahl der Suchfragen bei Google kann man heute schon Tendenzen bzgl des Absatzes eines Fahrzeuges in wenigen Monaten erkennen.

Auch die Vernetzung von Fachleuten – früher eine der Kernkompetenzen der klassischen Unternehmensberatung, wenn nicht gar der USP – erfolgt heute über digitale Business-Netzwerke. Mussten bei Fachfragen früher externe Berater beauftragt werden, so ist dies heute über Wikis und Web 2.0 für Unternehmen deutlich einfacher geworden. Auch wenn es hochqualifizierte Berater nicht ersetzt, so werden Klienten deutlich besser informiert sein und den Consultant stärker herausfordern. Der Trend zu einer hohen Spezialisierung von Wissen wird sich weiter fortsetzen, die Halbwertzeit von Know-how wird sich weiter verringern. Andererseits bekommen einzelne Experten auch schnell Zugang zu einem weltweiten Markt. Unternehmensberatungen müssen sich – ähnlich der Make-or-Buy-Frage von Automobilunternehmen – die Recruit-or-Staff-Frage stellen: Muss ich ein Expertenteam aufbauen bzw. einstellen oder reicht es, dieses Know-how bei Bedarf einzukaufen. Die sogenannte Fertigungstiefe kann auch bei Beratungen gesenkt werden, da Wissensträger nicht im Unternehmen vorhanden sein müssen. Das entstehen von Beratermarktplätzen, digitalen Consulting-Plattformen und –Netzwerken wie zum Beispiel www.newcoventure.com eröffnet hier für klassische Beratungen ganz neue Möglichkeiten. Außerdem können sich immer mehr erfahrene Managementberater vorstellen, als Freelancer zu arbeiten, wie der Consulting-Monitor 2015 von OdgersBerndtson ergeben hat.

4. Digitalisierung der Beratungsgeschäftsmodelle

Unternehmensberatungen müssen sich vor dem Hintergrund der Digitalen Revolution die Frage stellen, ob das klassische Erlösmodell auf Stunden- bzw. Tagesbasis noch zeitgemäß ist. Insbesondere B2C Branchen wie Banken, Versicherungen, Handel, Medien- und Musikindustrie waren in den vergangenen Jahren gezwungen, sich auf die zunehmende Transparenz durch das Internet einzustellen. Inzwischen führen in der Beratung digitale Content-Plattformen wie consultancy.uk und Auswahl-Portale wie consultingsearcher.com zu mehr Transparenz. Markteintrittsbarrieren sinken weiter und könnten neue Mitspieler auf den Markt rufen:

Consulting 4.0 verändert Wettbewerbssituation im Beratermarkt

Die Digitalisierung bringt neue Wettbewerber für klassische Consultants

 

4.1. Peer2Peer Beratung: Durch eine bessere Vernetzung von Experten über Unternehmensgrenzen hinweg bspw. über Online-Business-Netzwerke kann das Modell der Peer2Peer Beratung an Einfluss gewinnen wie vistage.com zeigt. Ein Geschäftsführer eines Maschinenbau-Unternehmens kann sich so zum Beispiel mit anderen Geschäftsführern austauschen und beraten lassen.

4.2. Freelancer: Durch die höhere Markttransparenz kann es für Unternehmen leichter sein, kleine spezialisierte Beratungen oder freiberufliche Berater zu beauftragen. Durch Bewertungssystematiken und Empfehlungsmarketing wird die Unsicherheit bzgl. Qualität in Zukunft reduziert.

 

Daniel Nehrlich, Autor des Consulting Monitor 2015 von OdgersBerndtson: „Doch es gibt auch neue, ernst zu nehmende Konkurrenz in der Arena: Online- Plattformen für Freelancer schicken sich an, Unternehmensberatern den Sprung in die Selbstständigkeit durch höhere Transparenz zu erleichtern. Bereits heute stellen die Befragten fest, dass Freelance-Consulting eine Arbeitsform ist, die sich etablieren und den Markt dauerhaft ergänzen wird.“

 

4.3. Crowdconsultants: Berater können sich zu Berater-Netzwerken zusammenschließen, die durch die Möglichkeiten der modernen IT zu professionellen virtuellen Unternehmensberatungen heranreifen können und damit in Zukunft ein ernsthafte Wettbewerb zur klassischen Unternehmensberatung darstellen werden. Diese Idee vertritt das Consulting 4.0 Startup NEWCOVENTURE. Laut Consulting-Monitor 2015 von OdgersBerndtson stimmen 41 Prozent der These zu, dass Online- Freelance-Plattformen künftig den klassischen Consulting-Firmen spürbar Marktanteile abnehmen werden.[3]

4.4. Neue Mitspieler: Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook haben heute sehr gute Informationen zu Kaufverhalten, Demographie, Logistikströmen etc. Es ist denkbar, dass diese Daten aggregiert genutzt werden können, um sie Unternehmen zum Beispiel zur Optimierung ihrer Werbung oder Absatzplanung zur Verfügung zu stellen. Google bietet schon heute mit thinkwithgoogle.com umfangreiche Daten und Studien zur Verfügung.

Die Digitalisierung bietet also einerseits viele neue Betätigungsfelder für Consultants, andererseits müssen sich klassische Beratungsunternehmen mit den Folgen für die eigene Organisation auseinandersetzen.

Fazit: Wie sich Beratungsunternehmen auf Consulting 4.0 einstellen

Consultants können sehr profitieren, wenn sie die Herausforderungen annehmen und die Möglichkeiten der digitalen Welt konsequent nutzen. Das heißt, das ubiquitous Internet zu Ende zu denken, schnell sein und global agieren. Beratung ist zwar People Business, dennoch kann eine Digitalisierung die Beratungsunternehmen effizienter machen und Vorteile in der Qualität bringen wie zum Beispiel:

  • Customer Intimacy: Eine genaue Kenntnis der Zielgruppen, Accounts und Kontakte ist auch für Berater erfolgskritisch. Durch eine Digitalisierung und Vernetzung der kundenbezogenen Aktivitäten eine Unternehmensberatung kann auch im Bereich der Geschäftskunden die Transparenz deutlich erhöht und Kundenanforderungen besser erkannt werden. Außerdem führt dies dazu, dass Informationen über Kunden nicht nur in den Köpfen einzelner Mitarbeiter gespeichert werden, sondern dem Beratungsunternehmen zur Verfügung stehen.
  • Product Leadership: Das Wissen der Berater sollte möglichst in einem Wissenspool der Unternehmensberatungen verfügbar sein und diese unstrukturierten Informationen durch leistungsfähige Suchmaschinen auffindbar sein. Wenn Ideen und Konzepte über Corporate Social Networks entwickelt werden, kann die Unternehmensberatung dieses Wissen leichter speichern, nutzen und weiterentwickeln. Außerdem kann eine interne Skillbewertung bei mittleren und großen Organisationen für eine bessere Zusammenstellung der Beraterteams sorgen. Last but not least können per mobile Marktplätze leichter externe Experten einbezogen werden.
  • Operational Excellence: Die Beratungsprozesse und die unterstützenden Prozesse werden sich digitalisieren. Zwar bleibt der persönliche Kontakt wichtig, zum Beispiel um Vorstände, Führungskräfte und Mitarbeiter bei Veränderungsprozessen zu überzeugen – aber er ist zum Beispiel bei Analysetätigkeiten oder Schulungen nicht immer nötig. Es geht darum einen intelligenten Mix zu gestalten. Auch die administrativen Prozesse wie Zeiterfassung, Reisekostenabrechnung, Rechnungsstellung aber auch das Staffing können drastisch vereinfacht und beschleunigt werden.

Es gibt durch Consulting 4.0 so viel Verbesserungsmöglichkeiten und Chancen für Wachstum bei Klienten und Beratern. Angesichts der zunehmenden Marktreife und des hohen Wettbewerbsdrucks werden die Unternehmensberatungen erfolgreich sein, welche die Digitale Revolution in all ihren vier Dimensionen konsequent nutzen, sich zu verbessern und den meisten Mehrwert für die Klienten zu erzeugen. Consulting 4.0 wird daher die Karten im Beratermarkt neu verteilen.

[1] 2. LAB Consulting Barometer, LAB & Company, Juni 2015. Download der Studie

[2] Studie Hidden Champions des Beratungsmarktes, WGMB 2012

[3] Consulting Monitor 2015, OdgersBerndtson 2015. Download der Studie